In den heißen Sommermonaten bieten die tiefer gelegenen Regionen Kirgistans nur noch spärlichen Bewuchs und kaum Wasserreserven. Die Herden werden im Juni auf die Almen getrieben und bleiben dort bis zum Herbst. Für die „Dshajloo“, die Sommerlager der Hirten und ihrer Familien in den hochgelegenen Tälern werden unterschiedlichste Konstruktionen an der Grenze zwischen Mobilität und Sesshaftigkeit kombiniert.
Die Jurte, die über Jahrhunderte perfektionierte nomadische Behausung war während der Zwangskollektivierung in den frühen Jahren der Sowjetunion ebenso unter Druck wie die nomadisierende Viehzucht selbst. Heute ist sie nationales Symbol des unabhängigen kirgisischen Staates und erlebt eine Renaissance. Neue Manufakturen für die traditionelle Herstellung entstehen. Neue Materialien ergänzen und ersetzen den Wollfilz.
Auf den Almen wird die Jurte pragmatisch kombiniert mit modernen Formen mobiler Behausungen – Zelte, umgenutzte Fahrzeuge und Transportbehälter. Ein LKW-Anhänger der Modekette C&A lässt rätseln, welche verschlungenen Wege ihn hierher auf 3200m über dem Meeresspiegel geführt haben. Fahrzeuge werden aufgebockt oder eingegraben und als Stall genutzt. Gebrauchte Überseecontainer, unschlagbar günstig und robust, kommen am Ende ihrer Reisen um die Erde in den kirgisischen Bergen zur Ruhe.
Camps traditionell hergestellter Jurten am Rande der Sommerweiden bieten Unterkünfte für Touristen und Bergsteiger auf dem Weg zu den 7000ern der Transalai-Kette. Vereinzelt verselbständigt sich die Form und löst sich von der ursprünglichen Funktion: aus Stahlblech geschweißte Gebilde auf einem Betonfundament zitieren die äußere Erscheinung, verlieren aber die Mobilität einer nomadischen Behausung.
Alai-Tal, Kirgistan, 2024