Sowjetische Führer und Märtyrer, überlebensgroß auf riesigen Sockeln. Aufständische die ihre autokratischen Präsidenten absetzen. Die unbewegt stehende Ehrenwache für die Nationalflagge und die Choreografie des Wachwechsels. Jugendliche die – Ego-Shooter spielend – in Miniaturzügen unter den Denkmälern vorbeiballern. Der fernen Bergketten entgegen reitende Manas, mythischer Vereiniger der kirgisischen Stämme. Das Zentrum von Bishkek ist Labor der nationalen Identitätsbildung der ehemaligen Sowjetrepublik, mit dem der unabhängige kirgisische Staat um sein Selbstbild ringt.
Lenin mit seiner dynamischen Geste auf hohem Podest, einst an der zentralen Position des monumentalen Leninplatzes, wird auf die Rückseite des Nationalmuseums verbannt. Eine Freiheitsstatue nimmt seinen Platz ein, bis auch diese weichen muss und durch eine Reiterstatue des mythischen Manas ersetzt wird, dem Protagonisten des wichtigsten Werkes der klassischen kirgisischen Literatur. 1998 wird auf dem Platz ein Flaggenmast mit der Nationalflagge errichtet, 2025 wieder abgebrochen und auf eine monumentale Höhe von 100m vergrößert. Eine Ehrengarde bewacht die Flagge regungslos in der sommerlichen Hitze, mit der stündlichen Wachablösung als präzise choreografiertes staatliches Ritual.
Neue Monumente ergänzen die sowjetischen Skulpturen. Eine Kolonnade mit dem Denkmal von Kurmanjan Datka ehrt die „Herrin des Alai“, die im 19. Jahrhundert ihr Volk von einem aussichtslosen Kampf gegen die russische Annexion abhielt.
Das „Denkmal der für die Freiheit Gestorbenen“ erinnert an die Toten bei den Aufständen gegen Korruption und Wahlmanipulationen durch autoritäre Präsidenten in den Jahren 2002, 2005 und 2010. Ein Feld prähistorischer, anthropomorpher Steinstelen wie sie sich in vielen Bergregionen Kirgstans finden, wird im Außenbereich des Nationalmuseums installiert und zeigt die Rückbesinnung auf kirgisische Identität und Kulturgeschichte.
Zugleich ist das Zentrum der wichtigste Treffpunkt für die Bewohner der Hauptstadt, um an den milden Abenden der heißen zentralasiatischen Sommer zusammenzukommen und sich diese Räume mit entspannter Selbstverständlichkeit anzueignen. Zwischen den „Märtyrern der Revolution“ trifft sich die Jugend der Stadt zum Volleyballspiel. Im Schatten des „Denkmals der Freundschaft der Völker“ starten Kinder ihre Ausflüge in die staatliche Erinnerungslandschaft mit miniaturisierten Autos und elektrischen Einrädern. Das Denkmal von Kurmanjan Datka ist heute Ausgangspunkt für die „Discotrains“ aus chinesischer Produktion, mit integrierten Spielekonsolen, delphinförmigen Waffengriffen und animierten Leuchteffekten in den Gehäusen.
In den virtuellen Welten der Videospiele hallen die realen Stadtlandschaften nach, durch die sich die Spieler bewegen. Helden und Monster wechseln ihren Ort zwischen realem Leben, virtueller Welt und der Darstellung in der Skulptur.
Bishkek, 2024 und 2025